Ringvorlesung des Klassikzentrums
Im Zentrum der Ringvorlesung stehen antike Verfassungsdebatten als dynamisches Spannungsfeld von politischer Theorie, institutioneller Praxis und lebensweltlichen Kontexten. Sie fragt nach ihrer langfristigen Relevanz für die Geschichte politischer Ideen, politischer Institutionen sowie politischer Ordnung. Ausgangspunkt ist der griechische Begriff politeia, der in der Antike umfassend verstanden wurde: Er bezeichnet nicht nur formale Institutionen, Ämter und Verfahren, sondern ebenso Lebensweisen, Normen, Werte, Tugenden, Bildungsprogramme und symbolische Ordnungen, durch die sich politische Gemeinschaften überhaupt erst konstituieren. Verfassung erscheint damit weniger als bloßer "Text" denn als kulturell, sozial und materiell verankerte Ordnung, die im Angesicht möglicher Alternativen in Frage gestellt wird und sich in Konflikten bewährt, verändert und legitimiert.
Im Fokus stehen daher nicht allein Debatten, wie wir sie als Texte u.a. bei Herodot, Platon, Polybios und Cicero überliefert finden, sondern ebenso deren Entstehungskontexte, also die konkreten Arenen politischer Praxis: Versammlungen, Gerichte, öffentliche Räume, Rituale sowie Normbildungsprozesse in Mythos und Erinnerung. Klassische Philologie, Alte Geschichte, Archäologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte erschließen interdisziplinär die Semantiken, Praktiken und Materialitäten politischer Ordnung.
Die Ringvorlesung verfolgt, wie antike Begriffe und Problemlagen - etwa Gemeinwohl, Freiheit, Gleichheit, Bürgerschaft, Gesetz, Demagogie und Populismus - über vielfältige Traditionslinien bis in die Gegenwart fortwirken und unsere Auseinandersetzungen um eine gute politische Ordnung weiterhin strukturieren. Einen konkreten Anlass dazu bietet zum einen das 250jährige Jubiläum der Amerikanischen Revolution, deren Verfassungsväter eine neue Republik auf polybianisch gefilterter Wahrnehmung griechischer Bundesstaaten gründeten. Zum andern fordert die wachsende Gefährdung von Demokratien weltweit zur Reflexion über Verfassungen und politische Strukturen heraus. Die historischen Geisteswissenschaften können vor diesem brisanten Hintergrund entscheidende Beiträge zum Verständnis der Genese, der Herausforderung und Gestaltungsoptionen politischer Ordnungen in der Gegenwart leisten, indem sie die Entstehung zentraler Verfassungsbegriffe rekonstruieren, ideelle und institutionelle Alternativen sichtbar machen und das Verständnis dafür schärfen, dass Verfassungen nicht nur institutionelle Arrangements sind, sondern auch normative und inklusive Projekte, deren Qualität und Stabilität von geteilten Ideen und geteilter politischer Verantwortung im täglichen Sprechen und Handeln abhängt.
| Veranstaltungsnr. | 7-84440 |
| Datum | Mi 14.10.2026, 18:00 Uhr - Mi 03.02.2027, 20:00 Uhr, mittwochs, 18-20 Uhr |
| Ort | Universität Regensburg, H22 (Hörsaal 22), Universitätsstraße 31 |
| Gebühr | kostenfrei |
| Veranstalter | Universität Regensburg, Zentrum für Klassikstudien, in Kooperation mit der KEB |
| Anmeldung | ohne Anmeldung |